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Bilsteiner Wurzeln

Im Jahre 2007 kam eine mir unbekannte Frau in unseren Fleischerladen nach Bilstein zum Einkaufen. Wir kamen ins Gespräch, und sie erzählte mir, dass sie in Bilstein geboren sei. Auf die Frage: „Haben Sie früher in Bilstein gewohnt, antwortete sie: „Nein, ich bin doch im Entbindungsheim Heller 1944 geboren!"
Kurze Zeit später erzählte mir mein ehemaliger Klassenkamerad Klaus Schleime, er habe die Mutter des Deutschen Tourenwagenmeisters (DTM) von 2008 und 2009, Timo Schneider, im Urlaub kennen gelernt. Auch sie hatte ihm dann erzählt, sie sei in Bilstein bei Hellers geboren.

entbindungsheim Heller

Diese beiden Gegebenheiten machten mich neugierig. Was war das für ein Entbindungsheim? Im Internet stieß ich auf den Begriff „NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt)“1. Ich hörte mich im Dorf bei den älteren Bewohnern um und kam aber zu keinem richtigen Ergebnis. Ein Bilsteiner behauptete, in Bilstein seien während des Krieges 900 Kinder geboren worden. Das konnte ich nicht glauben.

Ich setzte mich mit dem Standesamt Lennestadt in Verbindung, um die Geburtenregister der ehemaligen Gemeinde Kirchveischede, die dort archiviert sind, einzusehen. Die Standesbeamtin wies darauf hin, sie könne mir diese Einsichtnahme aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht gestatten. Sie bot mir allerdings an, zu schauen, wie viele Kinder in dieser Zeit in Bilstein geboren worden seien und woher diese Mütter waren. Einige Tage später erhielt ich das Ergebnis, das mich total überraschte. Zwischen dem 8.6.1943 und dem 1.5.1945 wurden in Bilstein sage und schreibe 760 Kinder geboren 2. Davon entfielen 258 auf Mütter, die aus Dortmund evakuiert waren; 183 stammten aus Bochum, 74 aus Wanne - Eickel, 56 aus Hagen. Weitere Mütter, die ihre Kinder in Bilstein zur Welt brachten, kamen aus den angrenzenden Städten Hamm, Lünen und anderen Städten. Zuletzt haben auch einige wenige Frauen aus dem Rheinland in Bilstein ihre Kin-der geboren. .Das Taufregister der hiesigen Pfarrkirche St. Agatha vermerkt im Jahr 1943 immerhin 40 Taufen, in 1944 die Namen von 83 Täuflingen. Schließlich empfingen im letzten Kriegsjahr1945 noch 23 Kinder hier das Sakrament der Taufe. Da in dieser Zeit der größte Teil der evakuierten Mütter des Ruhrgebietes evangelisch war, konnten es nicht mehr sein.

Ich suchte Bilder dieser Neugeborenen. Anfragen beim Kreisarchiv Olpe und im Stadtarchiv Lennestadt brachten zunächst kein Ergebnis. Schließlich tauchte ein Bild des hier geborenen 500. Kindes mit Mutter auf. In den Staatsarchiven Berlin und Münster sowie beim LWL-Archiv fand ich nicht einmal einen Hinweis auf dieses Heim. So kam ich auf die Idee, die Tageszeitung „Ruhrnachrichten“ für mein Anliegen zu gewinnen. Redakteur Tobias Grossekemper fand die Geschichte interessant. Schon kurze Zeit später stand ein Bericht in dieser Zeitung. Was ich kaum erwartet hatte, bereits am ersten Tag erhielt ich 10 Anrufe aus Dortmund und Umgebung. Bis vier Wochen später waren es weitere 30 Telefonate. Alle Anrufer haben sich gefreut, dass über diese Aktion in der NS-Zeit nach über 70 Jahren berichtet wurde. Sogar eine 93jährige Frau erzählte mir, sie habe in Bilstein ihren Sohn geboren.

Was kam bei den Gesprächen heraus? Warum wurde ausgerechnet Bilstein der Geburtsort mehrerer hundert Kinder in den drei Kriegsjahren? Durch die Bombardierung des Ruhrgebietes waren die Frauen in diesen Städten gefährdet, und zum allergrößten Teil waren die Männer als Soldaten im Krieg. In der Ruhe eines Dorfes wie Bilstein, sollten sie ihre Kinder zur Welt bringen. Diese Aktion wurde deshalb vom „Hilfswerk Mutter und Kind des NSV“ organisiert. Vorwiegend waren ehrenamtliche Kräfte im Einsatz, von der Heb-amme über Schwestern bis zum Arzt. Bilstein im Sauerland war schon vor dem 1. Weltkrieg Fremdenver-kehrsort, früher nannte man ihn "Sommerfrische". Bilstein verfügte mit seinen drei Hotels und 15 Pensionen über reichlich Fremdenbetten. Der größte Teil der hochschwangeren Frauen war drei bis vier Wochen in Bilstein. Die meisten der Frauen haben in der Pension Heller ihr Kind geboren. Dort war ein "Kreissaal" eingerichtet. Aber einige der werdenden Mütter fanden auch im "Hotel zur Post", in der Pension Kaufmann und auf der Burg Bilstein ihre Unterkunft. Während des Aufenthaltes wohnten die Frauen in den Hotels und Pensionen im Ort. Immer wieder wunderten sich die vielen Sommergäste und auch Soldaten über die Vielzahl der hochschwangeren Frauen, bis man sie immer über dieses Entbindungsheim aufklärte. Als dort eine Infektionskrankheit ausbrach, wurden die kranken Säuglinge im Cafe Kaufmann untergebracht. Dort lagen in einem Zimmer einmal 14 Kinder, so der letzte Besitzer von Cafe Kaufmann, Hans Georg "Stinnes" Kaufmann.

Im Hotel auf dem Rimberg bei Fredeburg befand sich ebenfalls ein NSV-Entbindungsheim. Dort wurden zwischen 1943 - 1945 498 Kinder geboren.

Hier die Ergebnisse im Einzelnen:

Waltraut Nierhoff: „ Ich war vier Wochen in Bilstein und habe meinen Sohn Rainer am 13.10.1944 gebo-ren. Sonntags gab es nach dem Mittagessen immer ein kleines Gläschen Eierlikör. Kurz bevor ich Bilstein verließ, wurde Rainer in der Bilsteiner Pfarrkirche getauft. Taufpate war die Haushälterin des Pfarrers Schulte. Dies war ein gutes Omen für die mir anschließend bevorstehende Fahrt mit dem Zug zu meiner Mutter nach Celle. Viele Züge wurden in dieser Zeit von Tieffliegern angegriffen, an diesem Tag nicht. Waltraut Nierhoff, 93 Jahre alt, wohnt mit ihrem Mann, 96 Jahre alt, in Dortmund. „Mein Sohn Rainer war jahrelang Internist in Ibbenbüren“

Ursula Röglin: „Ich wurde am 17.12.1944 im "Hotel zur Post" geboren. Da meine Mutter nur ca. 50 kg schwer war und recht erschöpft und krank aussah - meine Eltern hatten ein kleines Geschäft in Dortmund - nutzte sie die Verbindung zu der Frau eines Arztes und kam nach Bilstein, um sich in aller Ruhe auf die Ge-burt vorzubereiten. Die abwechslungsreiche Landschaft, nutzte sie mit anderen Frauen zu ausgiebigen Spa-ziergängen. Meine angeheiratete Cousine ist fünf Wochen früher, ebenfalls in Bilstein geboren.“


Ulrike Kalthoff-Lübeck: „Am 11.9.1944 im "Hotel zur Post" geboren, hatte ich nach der Geburt so lange schwarze Haare, dass die Hebamme mir vor dem Baden eine Haarhaube aufsetzte. Kurze Zeit später waren diese allerdings verschwunden. Später hatte ich weißblonde Locken. Diese Haarhaube hat die Hebamme Glückshaube genannt und meinte, ich wäre ein Glückskind. Wahrlich habe ich in meinem Leben viel Glück gehabt. In meiner Jugend bin ich einmal wieder mit einem alten "Brezelkäfer" in Bilstein gewesen.
Meine Mutter, Edith Brassel, erzählte mir, dass sie vor meiner Geburt an einem schönen Sonnentag in einem weißen Kleid in der näheren Umgebung von Bilstein spazieren gegangen sei und von Tieffliegern beschossen wurde. Gott sei Dank blieb sie unverletzt und nur kurze Zeit später wurde ich geboren."

Dagmar Tegethoff: „Am 12.5.1944 wurde ich in Bilstein geboren. Das meine Mutter herzkrank war, sind wir fast ein Jahr in Bilstein geblieben. Ob meine Mutter zwischenzeitlich im Krankenhaus war, weiß ich nicht.“

Heidi Richter: Nachdem meine Mutter noch einen Spaziergang nach Grevenbrück gemacht hatte - hin und zurück 12 Kilometer - ging es mit meiner Geburt recht schnell. Ich wurde nach Aussage meiner Mutter, am 20.6.1943 auf Burg Bilstein geboren. Ende der 1960er Jahre habe ich einen Besuch der Karl-May-Festspiele mit einem Besuch in Bilstein verbunden.

Jürgen Eberts: Mein Vater stammt aus Benolpe, früher Gemeinde Kirchveischede. Nachdem er meine Mutter kennen gelernt und später geheiratet hatte, zog er zu ihr nach Düsseldorf. Während des Krieges wur-den sie in Düsseldorf ausgebombt. So zog meine Mutter Josefine, zu ihren Schwiegereltern nach Benolpe. Ich wurde dann im November 1943 in Bilstein geboren.
Nach dem Krieg zog ich mit meinen Eltern wieder nach Düsseldorf. Bis zu meiner Rente, war ich Steuerbe-rater.“

Christa Meise: „Von dem Aufenthalt in Bilstein hat mir meine Mutter wenig erzählt. Ich wurde dort am 17.4.1944 geboren. So steht es in meiner Geburtsurkunde.“

Wolfgang Mühlbauer: „ Auch ich weiß nicht viel von dem Aufenthalt meiner Mutter in Bilstein und mei-ner Geburt am 7.11.1944. Ich habe später Bierbrauer gelernt und war jahrelang bei der Thierbrauerei be-schäftigt. Später Angestellter bei einer Mineralbrunnenfirma. Ich lebe heute in Bornheim im Rhein-Sieg-Kreis.“

Horst Pietrasinski : „Ich wurde im April 1944 in Bilstein geboren. Ich lebe seitdem in Dortmund.“

Hermann Smiegelt: Per Eisenbahn bis Grevenbrück angereist, wollten mein Vater und mein Bruder mit ins Sauerland, jedoch war dies nicht gestattet. So wurde ich am 13.4.1945, die Amis waren drei Tage vorher in Bilstein einmarschiert, geboren. Laut Aussage meiner Mutter, wurde in der Pension Heller, während ihres Aufenthaltes, ein Deutscher General ärztlich behandelt. Ende der 1950er Jahre war ich wieder in Bilstein.“

Marlies Wölk, geb. Ring: „ Ich war ein Nachkömmling, meine Mama bereits 35 Jahre alt und wurde am 18.9.1944 auf Burg Bilstein geboren. Da ich noch mehr Geschwister hatte, war meine Mutter nur 10 Tage in Bilstein. Meine ältere Schwester war zu dieser Zeit in Scherfede, mein Bruder in Dortmund und Vater als Soldate im Krieg. Nach dem Krieg waren wir eine Zeit lang als Evakuierte in Finnentrop untergebracht. Ganz stolz war ich, als wir mit unserer Schulklasse aus Dortmund auf Burg Bilstein eine Schulfreizeit mach-ten und ich erzählen konnte, dass ich auf dieser Burg geboren bin. Ich fühlte mich wie ein Burgfräulein.“

Rosemarie Rutinowski: „Am 27.11.1944 in Bilstein geboren, war meine Mutter insgesamt drei Wochen in Bilstein. Viel zu kurz, denn in den folgenden Monaten bis zum Kriegsende haben wir in Dortmund die meis-te Zeit wegen der Luftangriffe in Bunkern verbracht. Meine Mutter, Getrud Klippe, lebt heute mit 92 Jahren ebenfalls in Dortmund.“


Barbara Schahre: „Bevor ich geboren wurde, ist mein Vater einige Male mit dem Fahrrad von Dortmund nach Bilstein gefahren und hat meine Mutter besucht. Als ich dann am 10. 3. 1944 geboren wurde, war dies nicht mehr möglich, da viel Schnee gefallen war.“

Willy Neumann: „ Ich wurde am 1.4.1944 im Hotel zur Post geboren. Da meine Mutter nur 8 Tage in Bil-stein war, hat sie mir von dem Aufenthalt dort nichts erzählt. Nach dem Krieg haben meine Eltern und ich uns an einem Sonntag auf den Weg nach Bilstein gemacht. Gelandet sind wir in Bielstein bei Gummersbach. Dabei ist es geblieben. Laut Geburtsurkunde der Gemeinde Kirchveischede bin ich der 108. Geborene in dem Jahr.“

Renate Rösler: „Am Weißen Sonntag 16.4. 1944 bin ich in der Pension Kaufmann geboren.“

Werner - Albert Kotecki: „Meine Mutter war bereits 40 Jahre alt, als ich am 8.7.1943 in Bilstein geboren wurde. Ein Bruder war zu dieser Zeit bei einer Bauernfamilie in Oedingen und ein anderer Bruder als Soldat in Russland. Als meine Mutter, mein Bruder und ich wieder in Dortmund waren, mussten wir häufiger in einen Luftschutzbunker. Auf dem Weg in den Gewölbekeller einer Brauerei stürzte meine Mutter mit mir in der Hektik, die Treppe herunter. Da wäre mein Leben schon fast zu Ende gewesen. Nach dem Krieg war ich mit meiner Mutter bis 1947 als Evakuierte in der Nähe von Tauberbischofsheim. Hunger haben wir dort nicht gehabt, da Mutter unseren Lebensunterhalt durch Näharbeiten bestritt. Unser Vater war in dieser Zeit in Dortmund. Schon in meiner frühesten Jugend war ich häufiger mit dem Fahrrad in Bilstein. Eine Strecke von mir zu Hause waren 105 Kilometer. Noch heute führt mich mein Weg häufig ins Sauerland.“

Christa Laube, geb. Novakowski: „Am 9. November 1944 lag in Bilstein schon jede Menge Schnee. Genau diesen Tag bin ich um 16.30 Uhr in Bilstein geboren. Eigentlich sollte ich gar nicht so früh kommen und wurde so zum Siebenmonatskind. So mussten meine Mutter und ich längere Zeit in Bilstein bleiben. Mein Bruder war zu dieser Zeit bei einem Lehrer in Kirchveischede untergebracht.“

Hans-Jürgen Höhne: „Meine Mutter war bereits 39 Jahres alt, als ich am 6.3.1944 in Bilstein geboren wur-de. Mehr weiß ich nicht von unserer Zeit in Bilstein. Ich wohne immer noch in Dortmund auf Sichtweite zum Westfalenstadion und bin unverheiratet.“

Christel Glatzel, geb. Holtmann: „Ich wurde am 1.12.1943 in Bilstein geboren. Da meine Mutter eine Brustentzündung hatte, musste sie noch länger in Bilstein bleiben. Ich wurde von meiner Tante in Bilstein abgeholt und bin mit dem Zug nach Dortmund gefahren.“

Walter Schmidt: „Ich wurde am 7. April 1945, drei Tage bevor die amerikanischen Streitkräfte in Bilstein einmarschierten, in Bilstein geboren. Ich bin in den Jahren danach noch einmal in Bilstein zu Besuch gewe-sen, aber viel häufiger im Sauerland. In den 1960er Jahren war ich Bauarbeiter beim Brückenbau der Sauer-landlinie beteiligt. Heute wohne ich in Laufselden im Taunus.“

Klaus Kerl (früher Herbert): „Meine Mutter war bei der Geburt 30 Jahre alt und unverheiratet. In dieser Zeit war es unverzeihlich ein uneheliches Kind zur Welt zu bringen. Folglich gab sie mich direkt nach
der Geburt in ein Waisenhaus. Bis zu meinem 12. Lebensjahr blieb ich dort und musste die Launen der Schwestern, die mit einem Stock für Zucht und Ordnung sorgten, ertragen. Erst dann fand ich eine Pflege-familie, wurde adoptiert und fortan ging es mir gut. Später habe ich versucht, den Namen und Ort meiner Mutter ausfindig zu machen. Bei diesen Nachforschungen habe ich nichts erreicht.“

Paul-Jürgen Schürer: „Ich bin am 17.3. 1944 in Bilstein geboren. Meine Mutter hat mir nicht von dem Aufenthalt in Bilstein erzählt. Heute wohne ich in Herne.“

Klaus Nähle: „Am 14.12.1944 in Bilstein geboren, weiß ich nichts über meinen Geburtsort, jedoch über die Rückfahrt mit der Bahn nach Dortmund. Der Zug musste mehrmals anhalten, da er von Tieffliegern be-schossen wurde. Nach Aussage meiner Mutter habe ich mir dabei, bedingt durch die lange Fahrt bei der Käl-te, eine doppelseitige Lungenentzündung geholt. Diese habe ich dann nur knapp überlebt. Kurz nach meiner Hochzeit bin ich wieder in Bilstein gewesen und war dort mit meiner Frau in einem Cafe (Kaufmann?).“

Christa Eberhard: „Am 24.5.1944 in Bilstein geboren, war meine Mutter nur kurz in Bilstein, da ich noch zwei ältere Geschwister hatte. Sie waren in dieser Zeit in Bad-Godesberg in einem Kinderheim. Mein Vater holte uns dann mit dem Auto in Bilstein ab. Da es ja noch das Bielstein bei Gummersbach gab, klappte die Fahrt nach Bilstein im Sauerland nur über diesen Umweg. Wir hatten damals schon ein Auto, da mein Vater einen Autohandel mit Reparaturwerkstatt in Dortmund betrieb. Er reparierte u.a. Fahrzeuge der Wehrmacht. Den Autohandel betreiben heute meine beiden Neffen in der vierten Generation immer noch in Dortmund. Meine Mutter wurde 96 Jahre alt und wohnte viele Jahre mit meiner Familie zusammen in Körbecke am Möhnesee.“

Hermann Dirr: „ Drei Wochen nachdem mein Vater in Russland gefallen war, bin ich am 13.11.1943 in Bilstein geboren. Meiner Mutter Ida, geb. Göring hatte man davon vor der Geburt nichts erzählt. Aus diesem Grund blieb sie mit mir einige Wochen in Bilstein. Nach der Rückkehr nach Wanne - Eickel wurden wir dort ausgebombt und anschließend mit meiner Mutter und meinen beiden Geschwistern nach Menden evakuiert, wo ich heute noch wohne. In den 1960er Jahren war ich dann das erste Mal wieder in Bilstein. Im Cafe Kaufmann, in dem meine Mutter während des Krieges gewohnt hatte, habe ich dann mit meiner Familie Kaffee getrunken.“

Brigitte Knie: „Meine Mutter hat mir wenig von unserem Aufenthalt in Bilstein erzählt. Sie war 25 Jahre alt, als sie mich am 24.7.1944 im "Hotel zur Post" geboren hat. Trotz ihres recht kurzen Aufenthaltes in Bilstein, sind einige Verwandte aus Dortmund mit dem Zug ins Sauerland gereist und haben uns besucht. Mein Vater war zu dieser Zeit Soldat in Italien und hat mich erst 18 Monate später das erste Mal gesehen. In meiner Berufsschulzeit war ich mit meiner Klasse einmal auf Burg Bilstein zu einer Ferienfreizeit. Heute wohne ich in Schwerte.“

Heide Brand: „Für ein Geburtshaus recht behelfsmäßig eingerichtet: So die Aussage von meiner Mutter über das Entbindungsheim Heller in Bilstein. Am 26.9 1944 in Bilstein geboren, waren meine Mutter und ich anschließend noch eine ganze Zeit in Franzosenhohl bei Iserlohn. Dort erholten sich viele frisch geborene Kinder mit ihren Müttern. Als Kind war ich mit meinen Eltern noch einmal in Bilstein. Meine Geburtsur-kunde, ausgestellt beim Standesamt in Grevenbrück,, trägt die laufende Nummer 375..Meine Mutter wurde 95 Jahre alt und starb 2014.“

Alfons Scheele: „Meine Mutter wohnte in Kirchveischede, da lag es nahe, in Bilstein zu entbinden. Am 15.4.1945, fünf Tage nachdem die amerikanischen Soldaten in Bilstein einmarschiert sind, wurde ich dann in der Pension Heller geboren. Kurz nach meiner Geburt, haben dann farbige und weiße amerikanische Sol-daten durch das Fenster unseres Wohnhauses, Bonbons geworfen. Nach der Grundschulzeit wohnten wir in Grevenbrück. Ich ging dann in Altenhundem auf das Gymnasium und machte dort Abitur. Zum Studieren kam ich nach Köln, wo ich heute noch wohne.“

Helga Berenberg, geb. Schaefer: „Als fünftes Kind meiner Eltern wurde ich am 31.7.1944 in Hause Heller geboren. Meine Geschwister waren alle mindestens 10 Jahre älter als ich. Ein Bruder war bereits als Soldat in Russland, und alle anderen waren während meines Aufenthaltes in Bilstein verteilt auf Verwandte und Kinderheime im Reich. Meine Mutter hat in Bilstein die Ruhe genossen und war sehr zufrieden mit der Un-terbringung und Betreuung. Kurz bevor ich dann um 21.15 Uhr geboren worden bin, hat sie noch ein Glas Bier getrunken. Später bin ich als junge Frau wieder in Bilstein gewesen.“


1 Die NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) war ein 1932 gegründeter Verein, der als Staatsorganisation die Monopolisie-rung der gesamten freien Wohlfahrt anstrebte. Die Arbeiterwohlfahrt wurde verboten und Rotes Kreuz, Diakonie und Caritas stark zurückgedrängt. Im Laufe des Krieges übernahm die NSV vermehrt staatliche Aufgaben, insbesondere in der Kinder-u. Jugendarbeit. Die Untergliederung "Hilfswerk Mutter und Kind" hatte sich auf die Hilfe für Mütter mit Kleinkindern, insbesondere aus der
Aktion "Lebensborn" ausgerichtet. Dazu gehörten Entbindungsheime, in denen die arischen Mütter einige Wochen vor und nach der Geburt in relativer Ruhe leben konnten und bei der Geburt selbst durch Hebammen und Pflegerinnen betreut wurden. Im Verlauf des Krieges fielen eine Reihe von Heimen durch Bombardierung aus, sodass man vermehrt Unterkunftsmöglichkeiten in ländlichen "kampffreien Gebieten suchte. Die NSV kümmerte sich nur um arische Frauen.
2 Nach Auskunft des Standesamtes Lennestadt sind von den in Bilstein geborenen Kinder als Säuglinge bis zu einem Alter von 3 Jahren 61 Kinder gestorben.

3 Nach den Unterlagen des Standesamtes Lennestadt können die Geburtshäuser in Bilstein: Burg Bilstein und Hotel zur Post nicht bestätigt werden. In den Geburtsunterlagen sind nur das Entbindungsheim Heller und Cafe Kaufmann genannt.